Narzissmus in der Therapie: So gelingt der Beziehungsaufbau nach Sachse
Die Therapie narzisstischer Klienten scheitert selten an fehlenden Techniken. Häufiger scheitert sie an der Beziehung: Die Klienten zeigen wenig Leidensdruck, prüfen den Therapeuten und brechen ab, sobald sie sich gekränkt fühlen. Nach dem Ansatz von Prof. Dr. Rainer Sachse lässt sich dieses Muster systematisch angehen, in drei Schritten: ein passgenaues Beziehungsangebot, das Bestehen der Interaktionstests und erst danach konfrontative Interventionen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat in der ICD-10 keinen eigenen Code und wird unter F60.8 (sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen) kodiert. Ergänzend dienen die DSM-5-Kriterien.
- Sachse versteht sie als Beziehungs- und Interaktionsstörung: Hinter den „Spielen“ (Imponieren, Anspruchsdenken, Abwertung) stehen frustrierte Beziehungsmotive wie Anerkennung, Wichtigkeit und Solidarität.
- Schritt 1: Ein Beziehungsangebot, das zu diesen Motiven passt. So entsteht der Beziehungskredit.
- Schritt 2: Interaktionstests erkennen und bestehen, ohne auf die Spiele einzusteigen.
- Schritt 3: Erst wenn der Beziehungskredit trägt, setzen Sie konfrontative Interventionen ein, um Änderungsmotivation aufzubauen.
- Zu frühe Konfrontation führt bei narzisstischen Klienten häufig zum Therapieabbruch.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Diagnostik in Kürze
In der ICD-10 besitzt die narzisstische Persönlichkeitsstörung keine eigenständige Kategorie. Sie wird unter F60.8 geführt, den sonstigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen. Das DSM-5 beschreibt sie mit neun Kriterien, darunter ein durchgängiges Muster von Grandiosität, das Bedürfnis nach Bewunderung, Anspruchshaltung, zwischenmenschliche Ausbeutung und mangelnde Empathie. Für die Diagnose müssen mindestens fünf Kriterien erfüllt sein. Die ICD-11 beschreibt Persönlichkeitsstörungen nicht mehr in Kategorien, sondern nach Schweregrad und Persönlichkeitsmerkmalen.
Klinisch hilft die Unterscheidung zweier Erscheinungsformen. Grandiose Klienten zeigen offene Selbstüberschätzung, Imponierverhalten und Dominanzstreben. Vulnerable Klienten wirken hypersensibel und zurückgezogen, reagieren auf Kränkungen mit Scham oder defensiver Aggression. Beide Formen teilen ein fragiles Selbstwertgefühl. Sie brauchen aber unterschiedliche Beziehungsangebote.
Das Modell: Warum die Beziehung im Mittelpunkt steht
Sachse erklärt die Störung mit dem Modell der doppelten Handlungsregulation. Danach läuft das Verhalten auf zwei Ebenen ab:
- Authentische Ebene: Es bestehen starke, oft unbewusste Beziehungsmotive, vor allem nach Anerkennung, Wichtigkeit, Solidarität und Verlässlichkeit. In der Biografie wurden sie frustriert. Daraus entstanden negative Selbstschemata wie „Ich bin nicht wichtig“.
- Spielebene: Als Gegenstrategie entstanden Spiele, die Anerkennung erzwingen sollen, ohne verletzbar zu machen. Dazu gehören Imponiergehabe, Anspruchsdenken, Abwertung anderer und demonstrative Überlegenheit.
Wichtig ist Sachses Einordnung: Die Spiele sind keine bösartigen Manipulationen, sondern dysfunktionale Lösungsversuche für unerfüllte Bedürfnisse. Daraus folgt die therapeutische Grundregel, komplementär zu den authentischen Motiven zu handeln und nicht komplementär zu den Spielen.
Schritt 1: Ein passgenaues Beziehungsangebot machen
Zuerst identifizieren Sie die zentralen Beziehungsmotive Ihres Klienten. Bei narzisstischen Klienten sind das typischerweise Anerkennung, Wichtigkeit, Solidarität und Verlässlichkeit. Ihr Angebot dazu auf der Beziehungsebene besteht aus echter Wertschätzung, dem Ernstnehmen der Person, Verlässlichkeit und erkennbarer Solidarität.
Mit jeder Erfahrung, in der Ihr Klient diese Motive erfüllt sieht, wächst der Beziehungskredit. Gemeint ist das Vertrauensguthaben, von dem Sie später zehren, wenn Sie unbequeme Dinge ansprechen. Ohne diesen Kredit bleiben Konfrontationen wirkungslos oder beenden die Therapie.
Schritt 2: Interaktionstests erkennen und bestehen
Bevor sich ein narzisstischer Klient öffnet, prüft er, ob der Therapeut tatsächlich das bietet, was er braucht. Diese Prüfungen laufen meist unauffällig mit. Sie zeigen sich typischerweise darin, dass der Klient Ihre Kompetenz infrage stellt, Sonderbehandlung einfordert, Sie abwertet oder auffällig idealisiert.
Entscheidend ist, nicht auf die Spiele einzusteigen. Sie reagieren weder mit Gegenhalten noch mit Bewunderung, sondern bleiben ruhig, klar und verlässlich und sehen das Motiv hinter dem Verhalten. Auch die eigene Gegenübertragung gehört dazu. Ärger, Frustration oder das Gefühl, nicht durchzukommen, sind häufige Reaktionen auf narzisstische Spiele und liefern wertvolle Hinweise. Besprechen Sie sie in Supervision oder Intervision.
Schritt 3: Konfrontieren, wenn der Beziehungskredit trägt
Narzisstische Klienten sehen die Ursache ihrer Probleme meist bei anderen. Sie erleben ihre Eigenschaften als angemessen (Ich-Syntonie) und suchen Hilfe oft erst nach äußeren Krisen. Änderungsmotivation entsteht deshalb selten von allein. Sie wird gezielt aufgebaut, durch konfrontative Interventionen, sobald der Beziehungskredit trägt.
In dieser Phase machen Sie die Spiele transparent, ohne den Klienten zu beschämen, und analysieren gemeinsam deren Kosten-Nutzen-Bilanz. Zugleich klären Sie die zugrunde liegenden Schemata. Das Ein-Personen-Rollenspiel ist dafür ein praxistaugliches Werkzeug.
Vier typische Stolpersteine
- Zu früh konfrontieren. Ohne Beziehungsbasis führen konfrontative Techniken häufig zum Abbruch.
- Auf die Spiele einsteigen. Gegenhalten bestätigt die Abwertung, Anbiedern bestätigt die Überlegenheit.
- Alle Klienten gleich behandeln. Grandiose und vulnerable Klienten brauchen unterschiedliche Beziehungsangebote.
- Die Gegenübertragung übergehen. Ärger und Frustration sind Informationen über die Interaktion und sollten besprochen werden.
Vertiefen: Live-Webinar, OnDemand-Seminar und PS-Kompass
Live-Webinar am 21.11.2026: In Narzissmus in der Therapie: Beziehung aufbauen, Tests bestehen, Veränderung ermöglichen zeigt Prof. Dr. Rainer Sachse das schrittweise Vorgehen in fünf Stunden (10 bis 15 Uhr), einschließlich Ein-Personen-Rollenspiel. Das Webinar ist mit 7 Fortbildungspunkten bewertet.
OnDemand-Seminar: Das Seminar Narzisstische Persönlichkeitsstörung (3 Stunden, 4 Fortbildungspunkte) vermittelt die psychologische Struktur der Störung, die zentralen Beziehungsmotive und die dysfunktionalen Schemata.
Breiter einsteigen: Die PS-Kompass-Lernreise mit Prof. Sachse führt in 14 Wochen durch die Persönlichkeitsstörungen (47 Fortbildungspunkte). Einen Überblick über das Thema bietet außerdem die Seite Fortbildungen zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Narzissmus-Therapie praxisnah lernen
Live mit Prof. Dr. Rainer Sachse am 21.11.2026: Beziehungsangebot, Interaktionstests und konfrontative Interventionen, inklusive Ein-Personen-Rollenspiel. 7 Fortbildungspunkte.
Häufige Fragen
Warum kommen narzisstische Klienten selten freiwillig in Therapie?
Narzisstische Eigenschaften erleben die Betroffenen meist nicht als Problem (Ich-Syntonie). Sie suchen Hilfe häufig erst bei äußeren Konsequenzen wie Kündigung, Trennung oder Begleitsymptomen wie Depression. Hinzu kommt die Angst vor Beschämung und Kontrollverlust in der Therapie.
Was ist der Unterschied zwischen grandiosem und vulnerablem Narzissmus?
Grandiose Klienten zeigen offene Selbstüberschätzung, Dominanzstreben und Imponierverhalten. Vulnerable Klienten wirken hypersensibel und zurückgezogen und reagieren auf Kränkungen mit Scham, Rückzug oder defensiver Aggression. Beide teilen ein fragiles Selbstwertgefühl, brauchen aber unterschiedliche Beziehungsangebote.
Was bedeutet Beziehungskredit?
Beziehungskredit ist das Vertrauensguthaben, das Sie durch ein passgenaues Beziehungsangebot aufbauen. Es entsteht, wenn der Klient erlebt, dass seine zentralen Beziehungsmotive wie Anerkennung und Wichtigkeit ernst genommen werden. Erst wenn dieser Kredit trägt, können Sie konfrontativ arbeiten, ohne die Beziehung zu gefährden.
Wie viele Fortbildungspunkte bringt das Webinar mit Prof. Sachse?
Das Live-Webinar am 21.11.2026 ist mit 7 Fortbildungspunkten bewertet und dauert fünf Stunden. Die Bescheinigung erhalten Sie nach dem Webinar über Ihren Kursbereich. Eingereicht wird sie bei Ihrer Kammer, Psycho-Vision übermittelt keine Punkte.
Dieser Artikel fasst das Konzept von Prof. Dr. Rainer Sachse (Klärungsorientierte Psychotherapie) in Grundzügen zusammen und ersetzt keine Fortbildung. Diagnosen stellen Sie nach den Originaltexten von ICD-10, ICD-11 und DSM-5.

