Fortbildungen zu Narzisstischer Persönlichkeitsstörung für Psychotherapeuten

Klinisch fundierte Online-Seminare zu Diagnostik, Klärungsorientierter Psychotherapie und komplementärer Beziehungsgestaltung nach Sachse

Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) ist eine komplexe Interaktionsstörung, die Psychotherapeuten vor besondere Herausforderungen in der Beziehungsgestaltung stellt. Diese Fortbildungen vermitteln das Verständnis narzisstischer Dynamiken nach dem Modell von Rainer Sachse — mit Fokus auf die doppelte Handlungsregulation, interaktionelle Spiele und komplementäre Beziehungsgestaltung als zentralem therapeutischen Werkzeug.

Klinische Kurzübersicht

Narzisstische Persönlichkeitsstörung zeigt sich mit einer Prävalenz von 0,5–1% in der Allgemeinbevölkerung, wobei die Raten in klinischen Stichproben deutlich höher liegen. Die Störung zeichnet sich durch ein tiefgreifendes Muster von Grandiosität (oder in vulnerablen Formen durch hypersensitive Reaktivität), Mangel an Empathie und Anspruchshaltung aus. Ein zentrales Merkmal ist ein fragiles Selbstwertgefühl, das von zugrundeliegender Scham und Verletzbarkeit geprägt ist. Während die klassische Präsentation grandiosen Narzissmus beinhaltet – mit offener Selbstüberschätzung und Dominanzstreben – manifestiert sich vulnerabler Narzissmus durch introvertierte, hypersensitive Züge mit ausgeprägter Kränkbarkeit.

Die Diagnostik erfolgt primär nach ICD-10 unter F60.8 (Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen), da die NPS dort keine eigenständige Kategorie besitzt. Ergänzend werden die DSM-5-Kriterien herangezogen, die die Störung durch neun Kriterien operationalisieren, darunter ein pervasives Muster von Grandiosität, Bedarf nach exzessiver Bewunderung, Anspruchshaltung, zwischenmenschliche Ausbeuterung und Mangel an Empathie. Eine Diagnose erfordert mindestens fünf dieser Kriterien.

Therapeutische Herausforderungen entstehen durch begrenzte Therapiemotivation (viele Patienten suchen Hilfe erst nach externen Krisen), charakteristische interaktionelle Spiele in der Therapie und die Notwendigkeit, die Beziehungsmotive hinter den kompensatorischen Strategien zu erkennen. Häufige Komorbiditäten umfassen depressive Episoden (besonders bei vulnerablem Narzissmus), Substanzabhängigkeit, Angststörungen und andere Persönlichkeitsstörungen.

Das Modell der doppelten Handlungsregulation nach Sachse

Rainer Sachse versteht narzisstische Persönlichkeitsstörung als eine Beziehungs- und Interaktionsstörung, die durch das Modell der doppelten Handlungsregulation erklärt wird. Nach diesem Modell agieren narzisstische Patienten auf zwei Ebenen gleichzeitig: Auf der authentischen Ebene bestehen starke, weitgehend unbewusste Beziehungsmotive — insbesondere nach Anerkennung, Wichtigkeit, Solidarität und Verlässlichkeit. Diese Motive wurden in der Biografie frustriert, sodass negative Selbst-Schemata entstanden sind (z.B. „Ich bin wertlos", „Ich bin nicht wichtig").

Auf der Spielebene hat die Person kompensatorische Strategien entwickelt, die darauf abzielen, Anerkennung und Bestätigung zu erzwingen, ohne sich dabei verletzbar zu machen. Diese interaktionellen Spiele — etwa Imponiergehabe, Anspruchsdenken, Abwertung anderer oder demonstrative Überlegenheit — sind aus Sachses Perspektive keine „bösartigen" Manipulationen, sondern dysfunktionale Lösungsversuche für tieferliegende Bedürfnisse. Die ausgeprägte Alienation (Entfremdung von den eigenen authentischen Motiven und Emotionen) macht es dem Patienten unmöglich, seine wahren Bedürfnisse zu erkennen und angemessen zu kommunizieren.

Epidemiologische Eckdaten

  • Prävalenz: 0,5–1% Allgemeinbevölkerung; 2–16% klinische Stichproben
  • Geschlechterverhältnis: 50–75% männlich
  • Erkrankungsbeginn: Frühes Erwachsenenalter (ca. 20er Jahre)
  • Verlauf: Chronisch; Symptomintensität kann mit zunehmendem Alter abnehmen

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Kernthemen dieser Fortbildungen

Diagnostik und Subtypen: Grandioser vs. Vulnerabler Narzissmus

Sachse unterscheidet narzisstische Persönlichkeitsstörung anhand der dominierenden kompensatorischen Strategien. Grandioser Narzissmus zeigt sich durch offene Selbstüberschätzung, Imponierverhalten und Dominanzstreben — der Patient versucht, Anerkennung durch demonstrative Überlegenheit zu erzwingen. Vulnerabler Narzissmus zeigt sich durch Hypersensitivität, Rückzug und defensive Aggression bei Kränkungen — hier wird Anerkennung durch Mitleid und Opferinszenierung gesucht. Beide Formen teilen dieselben frustrierten Beziehungsmotive und negativen Selbst-Schemata, unterscheiden sich aber fundamental in ihren interaktionellen Strategien. Die Unterscheidung ist therapeutisch hochrelevant, da sie unterschiedliche komplementäre Beziehungsangebote erfordert.

Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP) nach Sachse

Die Klärungsorientierte Psychotherapie ist der zentrale Behandlungsansatz für NPS nach Rainer Sachse. KOP versteht Narzissmus als Interaktionsstörung und arbeitet systematisch an drei Ebenen: Zunächst wird eine tragfähige therapeutische Beziehung durch komplementäres Handeln aufgebaut — der Therapeut befriedigt die authentischen Beziehungsmotive (Anerkennung, Wichtigkeit) gezielt auf der Beziehungsebene. Dann werden die interaktionellen Spiele transparent gemacht, ohne den Patienten zu beschämen. Schließlich wird die Alienation reduziert, indem der Patient Zugang zu seinen authentischen Motiven und Emotionen gewinnt. Die Therapie arbeitet dabei konsequent beziehungsorientiert und vermeidet konfrontative Techniken, die bei NPS-Patienten zu Therapieabbruch führen.

Komplementäre Beziehungsgestaltung bei NPS

Sachses Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung ist das Kernstück der therapeutischen Arbeit mit narzisstischen Patienten. Der Therapeut identifiziert die zentralen Beziehungsmotive des Patienten — bei NPS typischerweise Anerkennung, Wichtigkeit, Solidarität und Verlässlichkeit — und befriedigt diese gezielt auf der Beziehungsebene. Konkret bedeutet das: echte Wertschätzung zeigen, den Patienten als Person ernst nehmen, Verlässlichkeit demonstrieren und Solidarität signalisieren. Entscheidend ist, dass der Therapeut komplementär zu den authentischen Motiven handelt, nicht zu den Spielen. Er geht also nicht auf Imponiergehabe oder Abwertungen ein, bestätigt aber die dahinterliegenden Bedürfnisse. Dieses Vorgehen baut therapeutisches Vertrauen auf und reduziert die Notwendigkeit für kompensatorische Strategien.

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Interaktionelle Spiele erkennen und bearbeiten

Narzisstische Patienten bringen ausgeprägte interaktionelle Spiele in die Therapie mit: Imponiergehabe, Anspruchsdenken, demonstrative Überlegenheit, Abwertung des Therapeuten oder anderer Personen, Opferinszenierung oder kontrollierendes Verhalten. Sachse betont, dass diese Spiele keine bewussten Manipulationen sind, sondern automatisierte, überlernte Strategien zur Befriedigung frustrierter Beziehungsmotive. Therapeutisch ist es entscheidend, diese Spiele zu erkennen, ohne auf sie „einzusteigen" — der Therapeut reagiert weder mit Konfrontation noch mit Bewunderung, sondern bleibt komplementär zu den authentischen Motiven. In einer späteren Therapiephase werden die Spiele transparent gemacht und ihre Kosten-Nutzen-Bilanz gemeinsam analysiert.

Alienation und Zugang zu authentischen Motiven

Ein zentrales Merkmal narzisstischer Patienten ist die ausgeprägte Alienation — die Entfremdung von den eigenen authentischen Bedürfnissen, Motiven und Emotionen. Patienten mit NPS haben keinen bewussten Zugang zu ihren tiefen Wünschen nach Anerkennung und Zugehörigkeit; stattdessen erleben sie nur die kompensatorischen Strategien als „normal". Die Reduktion der Alienation ist ein Kernziel der KOP: Durch gezielte Klärungsprozesse, empathische Konfrontation und die sichere therapeutische Beziehung wird der Patient schrittweise an seine authentischen Emotionen herangeführt. Dieser Prozess erfordert Geduld und eine stabile Beziehungsbasis, da das Erleben der eigenen Verletzlichkeit für narzisstische Patienten hochbedrohlich ist.

Therapieverlauf bei NPS nach Sachse

Die Therapie narzisstischer Persönlichkeitsstörung nach Sachse gliedert sich in vier Phasen: In der Beziehungsaufbauphase steht die komplementäre Beziehungsgestaltung im Vordergrund — der Therapeut baut systematisch Vertrauen auf, indem er die Beziehungsmotive des Patienten auf der Beziehungsebene befriedigt. In der Spielbearbeitungsphase werden die interaktionellen Spiele transparent gemacht und ihre Funktionalität analysiert. Die Klärungsphase zielt auf die Reduktion der Alienation und den Zugang zu authentischen Motiven und Schemata. In der Veränderungsphase entwickelt der Patient neue, funktionale Strategien zur Befriedigung seiner Beziehungsmotive. Ein Therapieabbruch droht besonders in den ersten beiden Phasen, wenn der Patient sich nicht ausreichend anerkannt fühlt.

Warum eine Spezialisierungsfortbildung?

Narzisstische Persönlichkeitsstörung stellt Psychotherapeuten vor außergewöhnliche klinische Herausforderungen, die spezialisierte Kenntnisse und Fertigkeiten erfordern. Viele Therapeuten berichten von Frustration, Gegenübertragungsreaktionen und therapeutischen Stagnationen mit narzisstischen Patienten. Häufige Probleme sind:
  • Begrenzte Therapiemotivation: Patienten mit NPS sehen ihre Probleme typischerweise nicht in sich selbst, sondern in ihrer Umgebung. Ohne Krankheitseinsicht ist es schwierig, eine therapeutische Allianz zu etablieren.
  • Interaktionelle Spiele: Narzisstische Patienten bringen ausgeprägte kompensatorische Strategien in die Therapie mit — Imponiergehabe, Anspruchsdenken, Abwertung — die den therapeutischen Prozess destabilisieren können, wenn der Therapeut auf sie „einsteigt".
  • Gegenübertragung: Die interaktionellen Spiele und der scheinbare Mangel an Empathie können bei Therapeuten Ärger, Frustration oder das Gefühl auslösen, nicht „durchzukommen".
  • Therapieabbruch: Patienten mit NPS brechen Therapie häufiger ab, besonders wenn sie sich nicht ausreichend anerkannt fühlen oder wenn konfrontative Techniken zu früh eingesetzt werden.

Diese Fortbildung vermittelt das Verständnis narzisstischer Persönlichkeitsstörung als Beziehungsstörung nach Sachse und gibt Ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand: komplementäre Beziehungsgestaltung, Erkennen und Bearbeiten interaktioneller Spiele, Reduktion von Alienation und den therapeutischen Phasenverlauf bei NPS.


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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen grandiosem und vulnerablem Narzissmus?

Grandioser Narzissmus ist gekennzeichnet durch offene Selbstüberschätzung, Dominanzstreben, Exhibitionismus und Überempfindlichkeit gegenüber Kritik. Die Präsentation ist typischerweise extrovertiert, mit offenkundiger Arroganz und Überlegenheitsgefühlen. Grandiose Narzisstische Menschen streben aktiv nach Bewunderung und dominieren soziale Interaktionen.

Vulnerabler Narzissmus zeigt sich hingegen eher durch hypersensitive Reaktivität, Introversion, intensive Scham und defensive Aggression bei Kränkungen. Diese Personen wirken nach außen hin oft weniger aufdringlich, sind aber intern stark anfällig für Verletzungen ihres Selbstwertgefühls und reagieren mit Wut oder Rückzug auf wahrgenommene Slights.

Beide Formen teilen das Kernmerkmal eines fragilen Selbstwertgefühls, das durch zugrundeliegende Scham und Verletzbarkeit geprägt ist. In klinischen Settings können beide Formen parallel auftreten oder sich über die Zeit verschieben. Die Unterscheidung ist therapeutisch bedeutsam: grandiose Narzisstische Patienten erfordern andere Interventionsstrategien als vulnerable.

Warum kommen narzisstische Patienten selten freiwillig in Therapie?

Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist durch Ego-Syntonie gekennzeichnet – ein Zustand, in dem die Person ihre maladaptiven Merkmale nicht als problematisch erlebt. Patienten mit NPS erleben ihre Charakterzüge (Grandiosität, Dominanzstreben, Mangel an Empathie) nicht als Störung, sondern als angepasste und realistische Reaktionen auf ihre Umgebung. Sie sehen sich selbst als überlegen und haben wenig Motivation, sich zu verändern.

Therapiesuche erfolgt typischerweise erst, wenn äußere Konsequenzen auftreten: berufliche Krisen (Kündigung, Konflikte mit Vorgesetzten), Beziehungskrisen (Scheidung, Verlust wichtiger Beziehungen), oder die Entwicklung von Begleitsymptomen wie Depression, Angststörungen oder Substanzabhängigkeit. Auch externe Druck (Gerichtsverweis, Ultimatum durch nahe Angehörige) kann zur Therapiesuche führen.

Ein weiteres Hindernis ist die tiefe Angst vor Beschämung und dem Verlust von Kontrolle im therapeutischen Prozess. Narzisstische Patienten fürchten, dass die Therapie ihre Überlegenheit in Frage stellen könnte oder dass der Therapeut sie „durchschaut". Diese Faktoren führen zu höheren Therapieabbruchquoten und erschweren die Entwicklung einer stabilen therapeutischen Allianz.

Welcher therapeutische Ansatz ist bei NPS am wirksamsten?

Die Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP) nach Rainer Sachse hat sich als besonders wirksamer Ansatz für narzisstische Persönlichkeitsstörung etabliert. KOP versteht Narzissmus konsequent als Beziehungs- und Interaktionsstörung und adressiert die zugrunde liegenden frustrierten Beziehungsmotive (Anerkennung, Wichtigkeit, Solidarität) durch komplementäre Beziehungsgestaltung. Der Therapeut befriedigt die authentischen Motive gezielt auf der Beziehungsebene, macht interaktionelle Spiele transparent und reduziert schrittweise die Alienation des Patienten.

Weitere Ansätze, die in der Behandlung von NPS Anwendung finden:

  • Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP): Sachses beziehungsorientierter Ansatz mit Fokus auf komplementäre Beziehungsgestaltung, Spielbearbeitung und Alienationsreduktion. Besonders geeignet für NPS aufgrund der expliziten Bearbeitung interaktioneller Muster.
  • Schema-Therapie: Arbeitet mit den zugrunde liegenden Schemata und unerfüllten Grundbedürfnissen. Der Therapeut nimmt einen „limited reparenting" Ansatz ein, um die tiefe Verletzbarkeit unter der Grandiosität zu erreichen.
  • Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP): Psychodynamischer Ansatz mit expliziter Fokussierung auf die Analyse von Übertragungs- und Gegenübertragungsmustern in der therapeutischen Beziehung.

Der Therapieerfolg hängt bei allen Ansätzen entscheidend von der Fähigkeit des Therapeuten ab, eine tragfähige therapeutische Allianz aufzubauen, ohne auf die interaktionellen Spiele des Patienten einzusteigen. Konfrontative Techniken ohne vorherige Beziehungsbasis führen bei NPS-Patienten häufig zu Therapieabbruch.

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