Fortbildungen zu Borderline-Persönlichkeitsstörung für Psychotherapeuten
Kurzübersicht: Borderline-Persönlichkeitsstörung
Epidemiologie und klinische Präsentation
Kernfakten
DSM-5 Diagnostische Kriterien
Kernmerkmale und psychopathologischer Hintergrund
Das Biosoziale Modell nach Linehan
Das Modell der doppelten Handlungsregulation nach Sachse
Therapeutische Herausforderungen und Bedeutung der Fortbildung
Unsere Fortbildungen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung
Kernthemen der Fortbildungen
Diagnostik & Differenzialdiagnose
Die sichere Diagnose von BPS erfordert die Abgrenzung von verwandten Störungsbildern. Sachse betont dabei, dass BPS primär als Beziehungsstörung zu verstehen ist — die interpersonellen Muster und die doppelte Handlungsregulation sind diagnostisch oft aufschlussreicher als rein symptomorientierte Kriterien.
- Bipolare Störung: Stimmungsepisoden bei BPS sind reaktiv, schnell wechselnd und kurzdauernd (Stunden bis Tage). Bei bipolaren Störungen liegen längere Episoden (Tage bis Wochen) mit vegetativen Symptomen vor.
- PTBS und komplexe PTBS: BPS zeigt charakteristische Identitätsstörungen und Beziehungsmuster, die über Trauma-Symptomatologie hinausgehen. Sachses Schemamodell hilft, die spezifisch interpersonelle Dimension der BPS von rein trauma-bedingten Störungen abzugrenzen.
- Andere Persönlichkeitsstörungen: Sachse differenziert Persönlichkeitsstörungen anhand ihrer spezifischen Schemata und kompensatorischen Strategien. BPS unterscheidet sich von narzisstischer PS (andere Vermeidungsschemata) und histrionischer PS (andere Kompensationsstrategien) durch die besondere Intensität der Beziehungsregulation.
Klärungsorientierte Psychotherapie nach Sachse
Rainer Sachses klärungsorientierte Psychotherapie (KOP) bietet ein praxisnahes Rahmenmodell für die Behandlung von BPS, das die interaktionellen Dynamiken ins Zentrum stellt.
- Beziehungsmotive verstehen: Betroffene haben zentrale Motive wie das Bedürfnis nach Autonomie, Wichtigkeit, Verlässlichkeit und Solidarität. Diese authentischen Motive sind durch negative Schemata blockiert und werden durch kompensatorische Strategien überdeckt.
- Interaktionelle Tests erkennen: Patienten testen unbewusst, ob der Therapeut ihre negativen Beziehungsschemata bestätigt oder ob eine korrigierende Beziehungserfahrung möglich ist. Das Erkennen und Bestehen dieser Tests ist entscheidend für den Therapieerfolg.
- Spielebene vs. authentische Ebene: Sachse unterscheidet die kompensatorische „Spielebene" (was der Patient zeigt) von der authentischen Motivebene (was der Patient tatsächlich braucht). Therapeuten müssen lernen, durch die Spielebene hindurch auf die Motive zu reagieren.
- Alienation bearbeiten: Viele Betroffene sind von ihren eigenen Motiven und Bedürfnissen entfremdet (alieniert). Die Klärungsarbeit zielt darauf ab, diesen Zugang wiederherzustellen und die Patienten mit ihren eigentlichen Wünschen in Kontakt zu bringen.
Komplementäre Beziehungsgestaltung
Sachses Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung ist das zentrale therapeutische Werkzeug bei BPS. Der Therapeut reagiert nicht auf das gezeigte Verhalten, sondern auf das dahinterliegende Motiv:
- Motivorientiert statt handlungsorientiert: Wenn ein Patient durch provokantes Verhalten Kontrolle ausübt (Kompensation), reagiert der Therapeut nicht auf die Provokation, sondern adressiert das dahinterliegende Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Sicherheit.
- Kein Einsteigen auf die Spielebene: Der Therapeut vermeidet es, sich in Machtkämpfe, Rettungsversuche oder Gegenaggressionen ziehen zu lassen. Stattdessen bleibt er auf der Motivebene präsent und transparent.
- Beziehungskredit aufbauen: Durch konsistente komplementäre Reaktionen entsteht ein Beziehungskredit, der dem Patienten erlaubt, seine kompensatorischen Strategien schrittweise zu reduzieren.
- Konfrontation auf der Spielebene: Sobald genügend Beziehungskredit vorhanden ist, kann der Therapeut die kompensatorischen Strategien transparent machen und den Patienten einladen, neue Beziehungsformen zu erproben.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
DBT ist das am besten empirisch validierte Behandlungsverfahren für BPS. Es kombiniert Verhaltenstherapie mit dialektischen Prinzipien und wurde speziell für chronisch suizidale Patienten entwickelt.
- Einzeltherapie: Individuelle Psychotherapie zur Bewältigung von Krisen und Verbesserung der Lebensqualität. Fokus auf Verhaltensprobleme in klarer Hierarchie.
- Skills-Training: Fertigkeiten in vier Modulen — Achtsamkeit, Stresstoleranz, Emotionsregulation und zwischenmenschliche Fertigkeiten.
- Telefoncoaching: Kurze Anrufe zwischen Sitzungen zur Anwendung von Skills in Krisensituationen.
- Therapeutenteam: Regelmäßige Supervision zur Unterstützung und Burnout-Prävention.
DBT und klärungsorientierte Psychotherapie ergänzen sich: Während DBT auf Fertigkeiten und Verhaltensänderung fokussiert, adressiert Sachses Ansatz die tieferliegenden Schemata und Beziehungsdynamiken.
Suizidalität bei BPS: Verstehen und Handeln
Suizidalität und nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) sind zentrale therapeutische Herausforderungen bei BPS. Aus der Perspektive der doppelten Handlungsregulation lässt sich suizidales Verhalten oft als Ausdruck extremer Hilflosigkeit auf der Motivebene verstehen.
- Funktionalität von NSSV: Selbstverletzung dient oft der affektiven Regulation, Spannungsabbau, Selbstbestrafung oder Kommunikation von Notlage — und ist aus Sachses Sicht eine kompensatorische Strategie bei unerträglicher Schema-Aktivierung.
- Sicherheitsplanung: Strukturierte Krisenpläne mit Warnsignalen, Bewältigungsstrategien, sozialen Ressourcen und Notfallkontakten sind unverzichtbar.
- Linehans DBT-Perspektive: Der Fokus liegt auf dem Stärken von Gründen zum Leben und dem Aufbau von Bewältigungsfähigkeiten als Alternative zu suizidalem Verhalten.
- Therapeutische Haltung: Sowohl Sachse als auch Linehan betonen, dass eine nicht-wertende, validierende Haltung die Basis ist. Das Verstehen der Funktion des Verhaltens ermöglicht gezieltere Interventionen als reine Symptomkontrolle.
Therapieverlauf: Von der Kompensation zur Klärung
Sachse beschreibt den Therapieverlauf bei BPS als schrittweisen Prozess, in dem Patienten lernen, ihre kompensatorischen Strategien abzubauen und einen authentischen Zugang zu ihren Motiven zu entwickeln:
- Phase 1 — Beziehungsaufbau: Komplementäre Beziehungsgestaltung, Bestehen interaktioneller Tests, Aufbau von Beziehungskredit. Der Therapeut zeigt sich verlässlich, transparent und motivorientiert.
- Phase 2 — Schemaklärung: Identifikation der zentralen Selbst- und Beziehungsschemata. Bearbeitung der Alienation, um den Patienten mit seinen eigentlichen Bedürfnissen in Kontakt zu bringen.
- Phase 3 — Konfrontation: Transparentmachen der kompensatorischen Strategien und ihrer Kosten. Der Patient erkennt, dass seine Strategien genau das verhindern, was er eigentlich braucht.
- Phase 4 — Transfer: Erprobung neuer Beziehungs- und Handlungsmuster zunächst in der therapeutischen Beziehung, dann in anderen Kontexten. Aufbau eines neuen Beziehungsrepertoires.
Die Prognose ist nach Sachse deutlich besser als oft angenommen — vorausgesetzt, der Therapeut versteht die interaktionelle Dynamik und lässt sich nicht auf die kompensatorische Ebene ein.
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Häufig gestellte Fragen
Ist DBT das einzige wirksame Verfahren bei Borderline?
- Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP): Sachses Ansatz stellt die Beziehungsdynamik ins Zentrum und arbeitet gezielt an Schemata, kompensatorischen Strategien und der doppelten Handlungsregulation. Besonders wirksam bei ausgeprägten interpersonellen Mustern.
- Schema-Therapie: Besonders effektiv für Modi-Arbeit und frühe Erfahrungen. Kombiniert Techniken aus verschiedenen Schulen.
- Mentaliserungsbasierte Therapie (MBT): Fokussiert auf die Steigerung der Mentalisierungskapazität (Fähigkeit, Gedanken und Gefühle zu reflektieren).
- Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP): Psychodynamischer Ansatz, der Splitting und Übertragungsmuster direkt adressiert.
- Psychodynamische Therapie: Langfristige Behandlung mit Fokus auf unbewusste Konflikte und Beziehungsmuster.
Kann ich DBT-Skills auch in der Einzelpraxis vermitteln?
- Einzeltherapie
- Skills-Training in Gruppen
- Telefoncoaching
- Therapeutenteam/Supervision
- Sie können Skills in den Einzelsitzungen unterrichten
- Telefoncoaching ist oft wertvoll für Skill-Anwendung in vivo
- Ohne Gruppenerfahrung geht der peer-support Effekt des Skills-Trainings verloren
- Supervision/Intervision ist essentiell, um Burnout zu vermeiden
- Die Evidenzbasis ist für das vollständige Modul-Modell stärker als für adaptierte Versionen
Wie schütze ich mich als Therapeut vor Burnout bei BPS-Patienten?
- Klare therapeutische Struktur: Regelmäßige Sitzungen, konsistente Grenzen, schriftliche Vereinbarungen (Therapievertrag) und nachvollziehbare Regeln reduzieren Unvorhersehbarkeit und Stress.
- Supervision und Intervision: Das DBT-Therapeutenteam-Modell mit regelmäßiger kollegialer Unterstützung ist bewährt zur Burnout-Prävention. Auch Peervision oder externe Supervision sind wertvoll.
- Realistische Erwartungen: Verstehen Sie, dass Therapiefortschritt bei BPS oft langsam und nicht-linear ist. Kleine Verbesserungen sind Erfolge.
- Selbstmitgefühl: Verwenden Sie Selbstmitgefühl-Techniken (z.B. aus mindfulness-basierten Programmen) zur Reduktion von Selbstkritik und zur Steigerung von Wohlbefinden.
- Professionelle Selbstfürsorge: Regelmäßige Pausen, Hobbys, körperliche Aktivität, soziale Unterstützung und ggf. persönliche Psychotherapie sind essentiell.
- Caseload-Management: Wenn möglich, begrenzen Sie die Anzahl komplexer BPS-Fälle in Ihrer Praxis und kombinieren Sie sie mit weniger anspruchsvollen Fällen.
- Fortbildung: Erhöhte Kompetenzen führen zu höherer therapeutischer Selbstvertrauen und reduziertem Burnout-Risiko.

