Fortbildungen zu Essstörungen für Psychotherapeuten

Klinisch fundierte Fortbildungen zur Diagnostik, Therapieplanung und evidenzbasierten Behandlung von Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung

Essstörungen gehören zu den psychiatrischen Erkrankungen mit den höchsten Mortalitätsraten, insbesondere Anorexia nervosa. Eine spezialisierte, evidenzbasierte Behandlung ist essentiell. Diese Fortbildungsreihe vermittelt Ihnen das aktuelle Wissen zu Ätiologie, Diagnostik und empirisch gestützten Therapieansätzen nach dem transdiagnostischen Modell nach Fairburn sowie spezifische Interventionen für verschiedene Essstörungstypen und Altersgruppen.

Kurzübersicht: Epidemiologie und klinische Merkmale

Essstörungen sind ernsthafte psychische Erkrankungen mit biologischen, psychologischen und sozialen Einflussfaktoren. Die Prävalenz variiert nach Typ: Anorexia nervosa betrifft etwa 0,3–1% der Bevölkerung, Bulimia nervosa 1–2%, und Binge-Eating-Störung 2–3%. Das Geschlechterverhältnis liegt bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa bei etwa 10:1 (w:m), während Binge-Eating-Störung eine ausgewogenere Geschlechterverteilung aufweist. Der Erkrankungsbeginn liegt typischerweise in der Adoleszenz bis zum frühen Erwachsenenalter, kann aber auch später onset auftreten.

Nach DSM-5 sind zentrale diagnostische Merkmale die Einschränkung der Energieaufnahme bei Anorexia nervosa, regelmäßige Essanfälle und Kompensationsverhalten bei Bulimia nervosa, sowie wiederkehrende Essanfälle ohne regelmäßige Kompensation bei Binge-Eating-Störung. Alle Typen sind charakterisiert durch Körperbildstörung, verzerrte Bedeutung von Körperform und -gewicht, sowie ausgeprägte kognitive Rigidität und Perfektionismus. Medizinische Komplikationen sind zahlreich und können alle Organsysteme betreffen: kardiovaskuläre Veränderungen, elektrolytische Störungen, gastrointestinale Dysmotilität, Osteoporose und endokrine Dysfunktionen.

Anorexia nervosa hat unter psychiatrischen Störungen die höchste Mortalitätsrate (etwa 5–10% über 20 Jahre), teilweise durch medizinische Komplikationen, teilweise durch Suizid. Das transdiagnostische Modell nach Fairburn betont gemeinsame Mechanismen zwischen Essstörungen und anderen psychischen Störungen: perfektionistische Einstellungen, niedrige Selbstachtung, emotionale Dysregulation und zwanghafte Merkmale. Dieser Ansatz ermöglicht eine flexiblere, patientenorientierte Behandlung, die über strikte Diagnostik-Kategorien hinausgeht.

Klinische Kernpunkte:

  • Prävalenz: Variiert stark nach Typ und Geschlecht; Frauen deutlich überrepräsentiert bei AN und BN
  • Erkrankungsbeginn: Adoleszenz bis frühes Erwachsenenalter; chronischer, rezidivierender Verlauf möglich
  • Höchste Mortalität: Anorexia nervosa unter psychiatrischen Erkrankungen (5–10% über 20 Jahre)
  • Transdiagnostische Mechanismen: Körperbildstörung, kognitive Rigidität, Perfektionismus, emotionale Dysregulation
  • Medizinische Komplikationen: Kardiovaskulär, elektrolytisch, gastrointestinal, endokrin, skeletal
  • ICD-10 Fokus: Verhaltensmuster (Restriktion, Essanfälle, Kompensation) und psychische Merkmale (Körperbild, Bedeutung)

Unsere Fortbildungen zu Essstörungen

Wählen Sie aus unserem breiten Angebot an zertifizierten Fortbildungen, die speziell für Ihre Anforderungen als psychotherapeutische Fachkraft entwickelt wurden.

Kernthemen der Fortbildungen

📋Diagnostik & medizinisches Monitoring

ICD-10 Kriterien für Anorexia nervosa (restriktiv und Purging-Typ), Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung, und andere näher bezeichnete bzw. nicht näher bezeichnete Essstörungen. Differentialdiagnose und Komorbidität. Körperliche Untersuchung, Laborparameter (Elektrolyte, TSH, Prolaktin, Magnesium), EKG-Monitoring, DEXA-Screening. Risikoeinschätzung für medizinische Komplikationen.

🎯KVT-E (Enhanced CBT nach Fairburn)

Enhanced Cognitive Behavioral Therapy (KVT-E) als Goldstandard bei Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung. Vier Module: Psychoedukation und Monitoring, kognitives Umstrukturieren, Exposition gegenüber Futter und Körperbild-Expositionen, Rückfallprävention. Transdiagnostische Anwendung bei Anorexia nervosa (modifizierte KVT-E).

🪞 Körperbild-Interventionen

Theoretische Grundlagen von Körperbildstörung in Essstörungen. Expositionsbasierte Techniken (Mirror Exposure, Video Feedback), Achtsamkeit und Entkopplung, Bewegungstherapie als Intervention nicht primär zum Gewichtsverlust. Arbeit mit Körperbild-Gedanken und -Verhaltensweisen. Integration in längerfristige Therapieplanung.

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💪 Motivationsarbeit bei Essstörungen

Motivational Interviewing (MI) und Ambivalenz-Exploration bei niedriger Veränderungsmotivation. Intrinsische vs. extrinsische Motivation, Diskrepanzen zwischen Werten und Verhalten. Change Talk, Unterstützung von Selbstbestimmung. Strategien für Patienten mit ausgeprägter Verharmlosung oder Verleugnung der Erkrankung.

👨‍👩‍👧 Essstörungen im Kindes- und Jugendalter

Epidemiologie, Diagnostik und Behandlung bei Kindern und Adoleszenten. Frühe-Anorexia-nervosa (< 13 Jahren) mit atypischen Präsentationen. Familie-Based Treatment (FBT) / Maudsley-Methode als Goldstandard für Adoleszente mit Anorexia nervosa. Elternrolle und -einbezug. Entwicklungsberücksichtigung in Prävention und Intervention.

Warum ist eine spezialisierte Fortbildung wichtig?

Essstörungen erfordern eine spezialisierte, strukturierte Behandlung. Ohne ausreichende Schulung können grundlegende therapeutische Fehler gemacht werden:

Unzureichendes medizinisches Monitoring, fehlende Körperbildarbeit, nicht-evidenzbasierte Interventionsansätze oder mangelnde Motivationsarbeit bei ausgeprägter Ambivalenz. Das hohe Mortalitätsrisiko und die chronische Tendenz dieser Erkrankungen machen spezialisiertes Wissen notwendig.

Unsere Fortbildungen vermitteln Ihnen die aktuellen, empirisch gestützten Ansätze und praktischen Fähigkeiten für die ambulante und teil-stationäre Behandlung. Sie lernen die Integration von medizinischem Wissen mit psychologischen Interventionen, die Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team, und den Umgang mit häufigen therapeutischen Herausforderungen wie Behandlungsresistenz, Suizidalität und Familienkonflikt.

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Häufig gestellte Fragen zu Essstörungen

Was unterscheidet die verschiedenen Essstörungstypen diagnostisch? 

Nach ICD-10 und ergänzend DSM-5 werden Essstörungen durch spezifische Verhaltensmuster und körperliche Merkmale unterschieden. Anorexia nervosa ist gekennzeichnet durch drastische Kalorienrestriktion und intensive Angst vor Gewichtszunahme bei deutlich reduziertem Körpergewicht (BMI < 17). Es gibt zwei Untertypen: den restriktiven Typ (nur Diät, Fasten, Bewegung) und den Purging-Typ (mit Erbrechen, Laxantienabusus).

Bulimia nervosa zeigt regelmäßige Essanfälle mit anschließenden Kompensationsverhalten. Der Purging-Typ beinhaltet Erbrechen oder Laxantienabusus, der Nicht-Purging-Typ kompensiert durch übermäßiges Fasten oder intensive körperliche Aktivität. Das Körpergewicht liegt typischerweise im normalen bis leicht erhöhten Bereich.

Binge-Eating-Störung beinhaltet wiederkehrende Essanfälle ohne regelmäßige Kompensation. Diese Personen berichten über Kontrollverlust während des Essens und nachfolgendes Unbehagen, Scham oder Depressivität. Das Körpergewicht ist oft erhöht.

Ein wesentlicher diagnostischer Unterschied: Das Körpergewicht bei Anorexia nervosa ist deutlich reduziert, während Personen mit Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung durchschnittliches bis erhöhtes Gewicht haben. Alle Typen zeichnen sich durch störte Körperbildwahrnehmung und übertriebene Bedeutung von Körperform und -gewicht für das Selbstkonzept aus.


Wann ist eine stationäre Behandlung bei Anorexia nervosa zwingend?

Indikationen für stationäre Behandlung bei Anorexia nervosa basieren auf medizinischen Risiken und psychosozialen Faktoren:

  • Medizinische: BMI unter 13 oder Gewichtsverlust über 25% innerhalb von 3 Monaten, schwere kardiovaskuläre Komplikationen (Bradykardie < 40 bpm, Hypotonie, QTc-Verlängerung > 450 ms), elektrolytische Störungen (Hypokaliämie < 2,5 mmol/L) besonders bei aktiven Purging-Verhalten, neurologische Komplikationen oder Delirium
  • Psychiatrische: Ausgeprägte psychiatrische Komorbiditäten mit relevantem Suizidrisiko, akute psychotische Symptome, mangelnde Krankheitseinsicht mit aktiver Therapiesabotage
  • Psychosoziale: Krise oder fehlende Unterstützung im häuslichen Umfeld, Kindesalter oder frühe Adoleszenz, anhaltende Verweigerung von ambulanter Therapie

Die stationäre Aufnahme folgt deutschen Leitlinien und dem biopsychosozialen Modell mit multiprofessionellem Team (Ärzte, Psychotherapeuten, Diätologen, Pflegefachkräfte). Ambulante oder teil-stationäre Alternativen sollten zuerst erwogen werden, wenn Stabilität gewährleistet ist.

Kann ich Essstörungen ambulant behandeln?

Ja, ambulante Psychotherapie ist die erste Behandlungslinie für viele Essstörungen und zeigt nachgewiesene Effektivität. Enhanced CBT (KVT-E) nach Fairburn ist das Goldstandard-Verfahren mit hoher Erfolgsquote bei Bulimia nervosa (50–60% Remission) und Binge-Eating-Störung (60–70% signifikante Verbesserung).

Für Anorexia nervosa ist ambulante Behandlung möglich, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
  • Medizinische Stabilität (BMI > 13–14, normale Vitalzeichen, Elektrolyte im normalen Bereich)
  • Ausreichende psychosoziale Unterstützung im Familie/sozialem Umfeld
  • Keine schweren psychiatrischen Komorbiditäten mit relevantem Suizidrisiko
  • Patient zur aktiven Mitarbeit bereit (relative Motivation ausreichend)

Intensive Ambulanz (2–3 Sitzungen pro Woche) kombiniert mit regelmäßigem ärztlichem Monitoring (Gewicht, Vital- und Laborparameter) ist erforderlich. Transdiagnostische Ansätze adressieren gemeinsame Mechanismen wie kognitive Rigidität, emotionale Dysregulation und zwanghafte Merkmale. Die Behandlung erfordert spezialisierte Erfahrung und regelmäßige Supervision, idealerweise im Austausch mit dem ärztlichen Team und gegebenenfalls teil-stationären Angeboten.

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