Fortbildungen zu Persönlichkeitsstörungen für Psychotherapeuten

Verstehen, diagnostizieren und effektiv behandeln – Moderne Konzepte und bewährte Methoden
 
Persönlichkeitsstörungen zählen zu den komplexesten und klinisch herausforderndsten Störungsbildern in der Psychotherapie. Mit einer Prävalenz von etwa 6–10 % in der Allgemeinbevölkerung und deutlich höheren Raten in klinischen Stichproben stellen sie Psychotherapeuten vor besondere Anforderungen. Die moderne Klassifikation (ICD-11) hat sich von einem kategorialen zu einem dimensionalen Modell verschoben und ermöglicht damit eine präzisere Diagnostik und individualisiertere Behandlungsplanung.
 
Diese Fortbildungsreihe vermittelt Ihnen das aktuelle Wissen zu Diagnostik, Klassifikation und evidenzgestützten Behandlungsansätzen – von Schema-Therapie über Dialektisch-Behaviorale Therapie bis zur Klärungsorientierten Psychotherapie.

Kurzübersicht: Persönlichkeitsstörungen

Wichtige Kennzahlen und Merkmale

  • Prävalenz: 6–10 % in der Allgemeinbevölkerung, deutlich höher in klinischen Populationen (bis zu 50 %)
  • Diagnosealter: Typischerweise ab 18 Jahren, aber Symptome oft bereits in der Adoleszenz erkennbar
  • Chronizität: Langfristige, stabile Muster, aber durchaus veränderbar durch Psychotherapie
  • Cluster-System (ICD-10): Cluster A (sonderbar), Cluster B (emotional-dramatisch), Cluster C (ängstlich)
  • ICD-11 Neuerung: Dimensionales Modell mit allgemeinem Persönlichkeitsfunktionieren und spezifischen Merkmaldomänen
  • Kernproblem: Ego-syntone Symptomatik – Patienten erleben ihre Verhaltensweisen oft als normal und natürlich

Das Cluster-Modell (ICD-10, F60-F61)

Cluster A: Sonderbare und exzentrische Muster

Charakterisiert durch soziale Distanziertheit, reduzierte Affektivität und ungewöhnliche Denkmuster. Patienten wirken oft merkwürdig, kalt oder kontaktarm.

Beispiele: Paranoide, Schizoide, Schizotype PS

Cluster B: Dramatische, emotionale und impulsive Muster

Geprägt durch affektive Instabilität, Impulsivität und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Hohe Emotionalität und oft selbstschädigende Verhaltensweisen.

Beispiele: Borderline-, Narzisstische, Histrionische PS, Dissoziale PS

Cluster C: Ängstliche, abhängige und angespannte Muster

Dominiert von Angst, Unsicherheit und dem Bedürfnis nach Kontrolle. Patienten sind oft gehemmt, selbstzweifelnd und beziehungsorientiert.

Beispiele: Dependente, Selbstunsichere, Zwanghafte PS

Dimensionales Verständnis und ICD-11 Neuerungen

Die moderne Forschung hat gezeigt, dass die strikte kategoriale Unterscheidung in neun Persönlichkeitsstörungen nicht der Realität entspricht. Stattdessen folgen Persönlichkeitszüge einem dimensionalen Spektrum. Die ICD-11 implementiert daher:

  • General Personality Functioning (GPF): Grad der Beeinträchtigung in Selbst- und Beziehungsfunktionieren (Severity Level 0–5)
  • Trait Domains: Spezifische Merkmaldomänen (Negative Affektivität, Schizoider Affekt, Antagonismus, Desinhibition, Rigidität)
  • Flexibilität: Ermöglicht Mischprofile und berücksichtigt Komorbidität besser
  • Validität: Bessere wissenschaftliche Fundierung und verbesserte diagnostische Genauigkeit

Ego-Syntonie: Das zentrale therapeutische Herausforderung

Ein Kernmerkmal von Persönlichkeitsstörungen ist ihre Ego-Syntonie: Die Symptome werden vom Patienten nicht als Probleme wahrgenommen, sondern als Teil der Persönlichkeit oder als angepasste Reaktion auf die Umwelt. Dies führt zu:

  • Geringer Veränderungsmotivation zu Therapiebeginn
  • Schwierigkeiten, Verantwortung für Verhalten zu übernehmen
  • Widerstand gegen Verhaltensänderungen
  • Notwendigkeit eines besonderen therapeutischen Zugangs und stabiler Arbeitsbeziehung

Bewährte therapeutische Ansätze

Ansatz
Schema-Therapie (ST)
Schwerpunkt
Frühe Lebenserfahrungen, Bewältigungsmodi, maladaptive Schemata
Besonders wirksam bei
Emotionale Dysregulation, Beziehungsmuster, Cluster B
Dauer
2–5 Jahre
Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP)
Intrapsychische Konflikte, Selbstorganisation, Ambivalenz
Innere Widersprüche, Widerstand, Cluster C
2–4 Jahre
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Verhaltensänderung, Emotionsregulation, Achtsamkeit, Distress-Toleranz
 Suizidalität, Selbstverletzung, Affektinstabilität (Borderline)
1–2 Jahre
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)
Mentalisierungsfähigkeit, Verständnis eigener und fremder Gedanken/Gefühle
Beziehungsprobleme, mangelnde Selbstreflektion, Borderline 
1–2 Jahre
Transference-Focused Psychotherapy (TFP) 
Übertragungsdynamiken, Objektbeziehungen, Mentalisierung
 Identitätsdiffusion, Objektbeziehungsprobleme, Borderline
1–2 Jahre

Passende Fortbildungen

Wählen Sie aus unserem breiten Angebot an zertifizierten Fortbildungen, die speziell für Ihre Anforderungen als psychotherapeutische Fachkraft entwickelt wurden.

Kernthemen dieser Fortbildungsreihe

Diagnostik & Dimensionale Modelle

Erkennen Sie Persönlichkeitsstörungen sicher. Lernen Sie, differentialdiagnostische Abgrenzungen vorzunehmen und die Schweregrade richtig einzuschätzen.

Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP)

Verstehen Sie den Ansatz der KOP nach Sachse und seine spezifische Eignung für Persönlichkeitsstörungen. Lernen Sie, intrapsychische Konflikte zu klären und Selbstorganisationsfähigkeiten zu fördern.

Therapeutische Beziehung bei Persönlichkeitsstörungen

Die therapeutische Beziehung ist bei Persönlichkeitsstörungen zentral. Entdecken Sie Strategien zum Aufbau vertrauensvoller Beziehungen, zum Umgang mit Übertragung und zum Halten von Grenzen.

Empty space, drag to resize

Warum ist Fortbildung zu Persönlichkeitsstörungen wichtig?

Persönlichkeitsstörungen erfordern spezifische klinische Kompetenzen. Viele Psychotherapeuten fühlen sich unsicher im Umgang mit diesen Patienten – und das zu Recht: Sie fordern heraus, sind oft hochkomplex und die therapeutische Beziehung ist besonders anfällig für Schwierigkeiten. Eine fundierte Fortbildung bietet Ihnen:
 
  • Diagnostische Sicherheit
    Lernen Sie, Persönlichkeitsstörungen zuverlässig zu diagnostizieren und von anderen Störungsbildern abzugrenzen. 
  • Therapeutische Effektivität
    Evidenzbasierte Methoden wie KOP sind wirksam – aber nur, wenn sie richtig angewendet werden. Profitieren Sie von systematischem Training.
  • Reduktion von Therapiescheitern
    Persönlichkeitsstörungen haben hohe Abbruchquoten. Mit fundiertem Wissen vermeiden Sie häufige Fehler und halten die Therapie stabiler.
  • Persönliches Wohlbefinden
    Diese Patienten können emotional anstrengend sein. Lernen Sie Strategien zum Selbstschutz.

Verwandte Störungsbilder

Entdecken Sie weitere Wissensseiten zu häufig komorbiden Störungsbildern.

Vertiefen Sie Ihre Kenntnisse

Entdecken Sie unser vollständiges Fortbildungsangebot zu Persönlichkeitsstörungen und anderen Störungsbildern:

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie unterscheiden sich Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 und ICD-11?

Die ICD-10 nutzt ein kategoriales System mit neun spezifischen Persönlichkeitsstörungen, die in drei Clustern organisiert sind (A: sonderbar, B: emotional-dramatisch, C: ängstlich-vermeidend). Jede Störung wird als eigenständige Diagnose betrachtet.

Die ICD-11 basiert dagegen auf einem dimensionalen Modell. Es gibt zwei Hauptkomponenten:
  • General Personality Functioning (GPF): Ein kontinuierliches Spektrum vom Severity-Level 0 (keine Beeinträchtigung) bis 5 (schwere Beeinträchtigung) in den Bereichen Selbstfunktionieren (Identität, Selbstleitung) und Beziehungsfunktionieren (Empathie, Intimität).
  • Personality Trait Domains: Spezifische Merkmaldomänen: Negative Affektivität (emotional instabil), Schizoider Affekt (emotional distanziert), Antagonismus (aggressiv, manipulativ), Desinhibition (impulsiv, rücksichtslos) und Rigidität (unflexibel, starr).
  • Vorteil: Das dimensionale Modell bildet die Realität besser ab, ermöglicht Mischprofile und berücksichtigt die hohe Komorbidität. Es ist wissenschaftlich validierter und klinisch aussagekräftiger.

Sind Persönlichkeitsstörungen behandelbar?

Ja. Obwohl Persönlichkeitsstörungen chronische, langfristige Muster darstellen, sind sie durchaus behandelbar. Dies war lange Gegenstand wissenschaftlicher Debatten, aber neuere Forschung und longitudinale Studien zeigen klar:

  • Natürliche Remission: Etwa 50 % der Patienten mit Persönlichkeitsstörungen erleben über 10 Jahre hinweg eine spontane Verbesserung.
  • Psychotherapie ist wirksam: Evidenzbasierte Verfahren (Schema-Therapie, DBT, MBT, KOP) zeigen signifikante Effekte mit Remissionsraten von 50–75 % nach 1–2 Jahren Behandlung.
  • Langfristige Veränderung: Besonders Schema-Therapie zeigt anhaltende Verbesserungen auch nach Therapieende.
  • Anforderungen: Erfolgreiche Behandlung erfordert typischerweise 1–5 Jahre Therapie, abhängig von Schweregrad und Störungsprofil. Eine stabile therapeutische Beziehung ist essentiell.

Realistische Ziele sind oft nicht vollständige Remission, sondern verbesserte Funktionsfähigkeit, bessere Beziehungsqualität und reduzierte Selbstschädigungsmuster.

Welcher therapeutische Ansatz ist bei Persönlichkeitsstörungen am wirksamsten?

Es gibt keine universell optimale Methode für alle Persönlichkeitsstörungen. Die Effektivität hängt von mehreren Faktoren ab:


  • Störungsprofil: Unterschiedliche PS haben unterschiedliche therapeutische Ansatzpunkte.
  • Patientenmotivation: Therapiemotivation ist ein starker Prädiktor für Erfolg.
  • Therapeutische Kompetenz: Die Ausbildung und Erfahrung des Therapeuten ist entscheidend.
  • Beziehungsqualität: Die therapeutische Allianz ist bei PS besonders wichtig und oft schwerer herzustellen.
  • Empirische Hinweise:
  • Schema-Therapie: Besonders wirksam bei Cluster C PS und bei emotionalen Dysregulationsproblemen. Zeigt die besten Langzeiteffekte.
  • DBT: Gold Standard für Borderline-PS, besonders bei Suizidalität und Selbstverletzung.
  • MBT: Wirksam bei Beziehungsproblemen und mangelnder Selbstreflektion, besonders bei Borderline und narzisstischen Zügen.
  • KOP: Effektiv bei intrapsychischen Konflikten und Widerstand, besonders bei Cluster C PS.
  • TFP: Geeignet für schwere Fälle mit Identitätsdiffusion und Objektbeziehungsproblemen.

Empfehlung: Eine integrative Herangehensweise, adaptiert an die spezifische Klientel und ihre aktuellen Probleme, ist oft am erfolgreichsten. Kombinationen von Methoden (z.B. DBT + Schema-Therapie) sind in der Praxis weit verbreitet.

Bleiben Sie auf dem Laufenden